Distale Radiusfraktur: Was die DVT zeigt und was das Röntgenbild systematisch unterschätzt

Häufigkeit und klinische Bedeutung
Distale Radiusfrakturen betreffen alle Altersgruppen. Bei Frauen über 50 gilt sie nach verfügbarer Datenlage als häufigste osteoporotische Fraktur. Bei jüngeren Patienten entstehen sie meist durch hochenergetisches Trauma. Das klinische Spektrum reicht von der einfachen nicht dislozierten Colles-Fraktur bis zur dislozierten Mehrfragmentfraktur mit intraartikulärer Beteiligung und assoziierter Ulnaläsion.
Die klinische Bedeutung liegt nicht nur in der Häufigkeit, sondern in den Spätfolgen einer insuffizienten Versorgung: posttraumatische Handgelenkarthrose, Ulna-Impaction-Syndrom und chronische Handgelenkinstabilität. Der entscheidende Parameter für das Langzeitergebnis ist die korrekte Gelenkflächenrekonstruktion. Eine Stufenbildung von mehr als 1 bis 2 mm gilt als Indikator für erhöhtes Arthroserisiko, eine Verkürzung von mehr als 2 bis 3 mm für funktionelle Einschränkungen. Diese Parameter lassen sich im Röntgen nicht zuverlässig messen.
Klassifikationssysteme und warum sie präzise Bildgebung brauchen
Die AO/OTA-Klassifikation teilt distale Radiusfrakturen in extraartikuläre (Typ A), partiell intraartikuläre (Typ B) und vollständig intraartikuläre Frakturen (Typ C) ein, letztere nochmals nach Fragmentkonfiguration und Gelenkflächenbeteiligung. Therapieentscheidung und Implantatwahl hängen wesentlich von dieser Einteilung ab.
Das Problem: Die zuverlässige Unterscheidung zwischen Typ B und Typ C gelingt auf konventionellen Röntgenaufnahmen eingeschränkt. Insbesondere die Beteiligung der lunären Facette und des Processus styloideus ulnae wird auf Röntgenbildern häufig nicht vollständig erkannt. In verfügbarer Literatur wird die Übereinstimmung zwischen Röntgen-basierter und CT-basierter AO-Klassifikation als unzureichend beschrieben.
Spezifische Frakturtypen und DVT-Beitrag
Colles-Fraktur: Die klassische dorsale Dislokation mit metaphysärer Komminution. Im Röntgen erkennbar, aber die Ausdehnung in die Gelenkfläche und das Ausmaß der dorsalen Komminution sind nur näherungsweise beurteilbar. In der DVT ist der intraartikuläre Anteil direkt messbar.
Die-Punch-Fraktur: Eine zentrale Depression der lunären Facette durch direkte Krafteinleitung vom Lunatum. Im Röntgen oft als einfache Radiusfraktur fehlklassifiziert. Im CBCT ist die Vertiefung der Gelenkfläche klar erkennbar und quantifizierbar. Die Entscheidung über spezifische Rekonstruktion des lunären Fragments ist ohne CBCT kaum sicher zu treffen.
Chauffeur-Fraktur: Abriss des Processus styloideus radii mit möglicher Gelenkbeteiligung. Die Frakturbeteiligung am Radiokarpalgelenk ist im Röntgen oft nicht eindeutig. In der DVT ist die Länge, Dislokation und Gelenknähe des Styloidfragments direkt beurteilbar.
Was die DVT an der distalen Radiusfraktur zeigt
Mit dem SCS MedSeries® H22 sind hochauflösende 3D-Datensätze des Handgelenks direkt in der Praxis möglich.
Intraartikuläre Stufenbildung: In axialen und koronaren Schichten direkt messbar. Entscheidungsrelevant für die Frage konservativ versus operativ. Stufenbildung unter 1 mm: konservativ vertretbar. Über 2 mm: Operationsindikation klar.
Lunäre Facette: Ob die lunäre Gelenkfläche des Radius in die Fraktur einbezogen ist und in welchem Ausmaß, lässt sich im 3D-Datensatz exakt beurteilen. Das ist für die Plattenpositionierung, dorsoradial oder volar-ulnar, entscheidend.
Fragmentanzahl: Trümmerbrüche mit mehreren Fragmenten werden im Röntgen oft als Zweifragmentfraktur eingestuft. In der DVT ist die vollständige Fragmentkonfiguration sichtbar, was die Implantatwahl beeinflusst: einfache volare Platte versus mehrfragmentspezifisches Konstrukt.
Begleitverletzungen: Distale Ulnafraktur, Abriss des Processus styloideus ulnae: ossäre Begleitverletzungen lassen sich mittels DVT zuverlässig darstellen und in ihrer Relevanz für die Stabilität beurteilen.
In einer verfügbaren Meta-Analyse zur diagnostischen Genauigkeit der DVT bei radiokarpalen Frakturen zeigte sich für die DVT eine Sensitivität von 90 Prozent und eine Spezifität von 100 Prozent. Gegenüber dem konventionellen Röntgenbild zeigte die DVT eine überlegene Erkennungsrate für intraartikuläre Beteiligung (99,0 versus 84,2 Prozent). Indikationsstellung, Befundung und ärztliche Verantwortung bleiben dabei unverändert ärztliche Leistung.
Postoperative Kontrolle mit DVT
Nach volarer Plattenosteosynthese stellen sich typische Kontrollfragen: Liegt die Platte korrekt? Sind die Schrauben in der Gelenkfläche platziert? Hat sich ein Fragment verschoben?
Konventionelles Röntgen zeigt Schrauben als Summationsprojektion. Ob eine Schraube die Gelenkfläche penetriert, ist auf Standardaufnahmen nicht immer sicher erkennbar. In der DVT ist die dreidimensionale Lage jeder Schraube relativ zur Gelenkfläche direkt beurteilbar.
Für die Entscheidung über eine Revisionsoperation bei Schrauben-Penetration oder Implantatversagen liefert die CBCT die präzisere Grundlage. Das SCS MedSeries® H22 ermöglicht diese Kontrolle praxisintern. Schnittstellen werden reduziert und der Befund steht unmittelbar für die Therapieentscheidung zur Verfügung.
Kontakt: myscs.com/kontakt
ESN – Zentrum für Sportorthopädie
Prof. Dr. med. Heinz Lohrer
Borsigstraße 2
65205 Wiesbaden
www.medical-center-wiesbaden.de
Erschienen in: SCS Magazin | Ausgabe 1
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